Initiative 2000plus in Bayern

Hintergrund

Forstwirtschaft und Landrechte in Britisch Kolumbien, Kanada

Memorandum über Waldnutzung im 'Great Bear Rainforest' keine Garantie für Urwälder und Landrechte der Nuxalk,
Bericht von Jutta Kill 1)

Kanada ist einer der wichtigsten Zellstoffexporteure für die Papierindustrie in Deutschland – und die einzige Industrienation des Nordens, die zum Betrieb ihre Zellstofffabriken in Britisch Kolumbien einzigartige Urwälder auf indianischem Land plündert. Proteste und internationale Kampagnen haben diesen Raubbau an den Wäldern der kanadischen Westküste in den vergangenen Jahren deutlich verlangsamt. Zu Beginn diesen Jahres reagierten Holzkonzerne und die Provinzregierung Britisch Kolumbiens auf die Einnahmeund Imageverluste, die die internationale Kampagne zum Schutz des 'Great Bear Rainforest' nach sich zog: Sie boten den an der Kampagne beteiligten Umweltorganisationen und indianischen Völkern Verhandlungen über ein gemeinsames Memorandum an, das die zukünftige Waldnutzung im 'Great Bear Rainforest' regeln sollte. Im April schließlich unterzeichneten die betroffenen Holzkonzerne, die Provinzregierung sowie die großen an der Kampagne beteiligten Umweltorganisationen und Vertreter von sechs indianischen Völkern das 'Great Bear Rainforest Agreement'.

Das Memorandum schlägt den Schutz von insgesamt 20 noch intakten Täler über 5000 ha vor, für 69 weitere Täler wurde ein Einschlagmoratorium von vorerst 12 bis 24 Monaten vereinbart und die Holzeinschlagrate wurde um 15% gesenkt. Pressemitteilungen und zahlreiche Artikel, auch in der deutschen Presse, preisen das Memorandum als 'historischen Erfolg'. Historisch scheint jedoch vor allem der Wunsch zu sein, den wahren Tatsachen nicht ins Auge sehen zu wollen: Das große Plündern der Urwälder im 'Great Bear Rainforest' geht weiter.

Das Memorandum in Zahlen
Größe des 'Great Bear Rainforest'7 Mio. ha
Anzahl der noch intakten Täler über 5,000haca. 50
Durch das Abkommen geschützte Täler20, entspricht 6,500km2 (13% der Landfläche im GBR, nur zum Teil bewaldet), davon 2,000km2, deren Schutzstatus lediglich aufgewertet wurde)
Täler mit Einschlag- moratorium von 12-24 Monaten880,000ha (8800km2)
Einschlagzonen mit besonderen Sichtschutz Auflagen4%, insbesondere entlang der vielbefahrenen Touristen-Schiffsrouten

Die Schattenseiten des Memorandums

Das Abkommen missachtet weiterhin die Landrechte der Nuxalk

Eine der zentralen Forderungen der internationalen Kampagne war die Anerkennung der Landrechte indianischer Völker im ¬ĄGreat Bear Rainforest“. Im Mittelpunkt der Kampagne standen dabei die Landrechte der Nuxalk, eines von sechs Völkern im 'Great Bear Rainforest'. Die traditionelle Stammesleitung des Nuxalk, das House of Smayusta, legte 1997 den Grundstein für die internationale Kampagne, als sie internationale Umweltorganisationen einluden, gemeinsam für den Erhalt der Urwälder im 'Great Bear Rainforest' zu streiten.

Die Landrechte der Nuxalk erkennt das Abkommen nicht adäquat an, denn eine Zustimmung zum Memorandum böte ihnen auch weiterhin nur marginales Mitspracherecht über die Nutzung ihres Landes: Gegen den Willen des Nuxalk House of Smayusta schlagen eben jene Holzkonzerne, die das Memorandum unterzeichnet haben, weiterhin Urwälder ein. Folglich findet das Memorandum bei den Nuxalk auch keine Unterstützung, sie lehnen es ab und fordern nach wie vor ein Abkommen mit der kanadischen Regierung, das ihre Landrecht anerkennt und den Raubbau der Urwälder gegen ihren Willen verhindert.

Landrechte in Britisch Kolumbien

Eine der politisch brisantesten Kontroversen in Britisch Kolumbien ist die Diskussion um die Landrechte. Im Gegensatz zur Situation in den meisten anderen Provinzen, haben die indianischen Völker in Britisch Kolumbien ihr Land nie und die Kanadische Regierung abgetreten. Sie sind folglich weiterhin im rechtmäßigen Besitz der Rechte über ihr traditionelles Land. Wachsender internationaler Druck, auch von der UN Menschenrechtskommission veranlasste Kanada 1993 dazu, einen Prozess zur nachträglichen Verhandlung von Landabtretungsverträgen zu initiieren – den BC Treaty Process. Die Mehrheit der indianischen Nationen in BC lehnt den Prozess jedoch wegen extrem restriktiver Rahmenbedingungen 2) ab und fordert ein Verfahren, das ihr Überleben als kulturell und wirtschaftlich eigenständige Völker sichert.

Der Einschlag in zahlreichen ökologisch wertvollen und kulturell bedeutsamen Urwaldtälern geht weiter

Während das Memorandum den Schutz eines Teils der Urwälder im 'Great Bear Rainforest' vorschlägt oder den Tälern zumindest eine 12 bis 24 monatige Atempause verschafft, geht der Kahlschlag in anderen, unter ökologischen Aspekten sogar z.T. bedeutsameren Tälern, weiter. Und auch wenn Anzahl und Größe der Gebiete, in denen vorerst kein Einschlag stattfindet, für europäische Verhältnisse gigantisch erscheinen, ist es wichtig, sich die Rahmenbedingungen an der Westküste von Britisch Kolumbien in Erinnerung zu rufen: Drei viertel der Urwaldtäler an der Westküste Britisch Kolumbiens sind bereits mit Kahlschlägen überzogen. Seit 1990 wurden mehr als 35 intakte Urwaldtäler durch Kahlschlag zerstört. Seit 1997 entstanden in 15 intakten Tälern Forststraßen, die die Gebiete für die Ressourcenplünderung öffnen. In vielen Fällen wurden die wirtschaftlich interessanten Urwaldholzbestände bereits völlig entfernt und die wirtschaftlich wie ökologisch besonders bedeutsamen Urwälder in den Tieflagen der Täler als erstes zerstört. Und selbst in den nun geschützten Tälern ist der Abbau von Bodenschätzen weiterhin erlaubt. Etwa im Falle des Klinaklini, eines der 20 unter Schutz gestellten Täler, soll die Ressourcennutzung nur dann eingestellt werden, wenn sich nach 15 jähriger Explorationszeit zeigt, dass der Abbau von Bodenschätzen in dem Gebiet nicht wirtschaftlich rentabel ist.

Das weltweit letzte große zusammenhängende Urwaldgebietes der temperaten Regenwälder - ein Ökosystem, das über mehr als ein Jahrtausend hinweg entstand - wird trotz Memorandum zerstört, um aus dem Holz der Wälder kurzlebige Papierprodukte herzustellen.

Keine Abkehr vom maroden Lizenzsystem

Umweltorganisationen und Bürgergruppen in Britisch Kolumbien fordern seit Jahren die Reform des bestehende Lizenzsystems. Dieses Lizenzsystem bescherte den großen Holzkonzernen Langzeiteinschlaglizenen zu Ausverkaufspreisen und mit zahlreichen Sicherheiten, während kleinere Unternehmen darauf angewiesen sind, sich ihre Einschlagslizenzen zu weit höheren Preisen und mit sehr kurzen Laufzeiten zu ersteigern. So zahlen die Holzkonzerne weiterhin nur einen verschwindend kleinen Bruchteil des Holzmarktwertes als 'stumpage' an die Provinzregierung; gezahlt wird nur für die tatsächlich abtransportierten Baumstämme. Die Bevorzugung der großen Konzerne bei der Lizenzvergabe zog eine wenig diversifizierte Verarbeitung im Holzsektor nach sich, die sich auf die Massenproduktion von Zellstoff und Halbschnittwaren sowie auf den Export von unverarbeiteten Stämmen konzentriert. Diese Strukturschwäche beschert zwar den Holzkonzernen ansehnliche Profits, doch die Gewinne aus der Urwaldzerstörung verlassen den 'Great Bear Rainforest' mit den unverarbeiteten Holzstämmen. Das Memorandum ändert nichts an den maroden Strukturen des Lizenzsystems in Britisch Kolumbien, die Holzeinschlagrechte bleiben weiterhin in der Hand nur weniger großer Holzkonzerne und beschränken die Möglichkeiten der lokalen Bevölkerung, eine den regionalen Bedürfnissen angepasste Waldnutzung aufzubauen.

Zellstoff 'Made in British Columbia' zerstört somit nach wie vor Urwälder und missachtet die Landrechte der Nuxalk. Die Fortsetzung des Holzeinschlags in Urwäldern auf traditionellem Territorium der Nuxalk trägt weiterhin zum Verlust alternativer Einnahmequellen für die lokalen Bevölkerung, insbesondere der Nuxalk bei, indem der Kahlschlag Pilzgärten zerstört, deren Nutzung vielen Familien ein bescheidenes Einkommen sichert.

Kanadas einzigartige Urwälder und die Existenzgrundlage der dort lebenden Bevölkerung werden zerstört, um aus dem Holz der Wälder kurzlebige Papierprodukte herzustellen. Ein wirksamer Beitrag zum Urwaldschutz ist nach wie vor eine drastische Reduktion unserer Papierverschwendung und der verstärkte Einsatz von Recyclingpapierprodukten.

Jutta Kill, August 2001

1) Jutta Kill, ehemalige Mitarbeiterin von urgewald, verbrachte die letzten zwei Winter in Bella Coola, einem Küstenort inmitten des 'Great Bear Forest' und arbeitet eng mit den Nuxalk, einem der sechs indianischen Völker der Westküste, zusammen. Während der Sommerzeit arbeitet sie in Europa für die internationale Umweltorganisation FERN.

2) (endgültige Abtretung der Landrechte auf mindestens 95% des traditionellen Territoriums, extrem geringe monetäre Entschädigung für die Teile des traditionellen Landes, über das alle Rechte abgetreten werden, Verzicht auf Proteste gegen Ressourcenraubbau, Holzeinschlag und Bergbau gehen jedoch weiter, Aufwandsentschädigung für die Teilnahme an den Verhandlungen ist nach Abschluss der Verhandlungen aus den aus der Landabtretung erhaltenen Geldern zurückzuzahlen).


zurück zur Hintergrund-Startseite





Weiterführende Informationen über Einsatz von Recyclingpapier gibt es auf der Website http://www.treffpunkt-recyclingpapier.de der überregionalen Initiative 2000plus, deren bayerischen Aktivitäten Pro REGENWALD koordiniert.